Und täglich grüßt das Murmeltier…

Kaum ein Thema, außer das der Verschlüsse, erhitzt die Weingemeinde im Netz so sehr, wie der Weineinkauf im LEH oder Discounter. Immer dann, wenn ich eigentlich sicher bin, dass das Ganze erledigt ist, poppt es wieder nach oben. Es gibt wenig Redundanteres als dieses Thema. Selbst 2016 ist es noch präsent.

Ich wollte ja eigentlich nie wieder davon anfangen. Eigentlich. Aber es ist nicht möglich, nicht davon anzufangen. Ich mache es kurz: Eine der wichtigsten Einkaufsstätten für Wein ist und bleibt der LEH und der Discounter und was sonst noch alles dazu gehört. Nehmen wir das Beispiel deutscher Wein. Würden diese Verkaufsstätten wegfallen, wäre es das gewesen mit der Weinkulturlandschaft hierzulande. Aus 100.000 Hektar Rebfläche würden ratzfatz vielleicht noch 30.000. Der Rest würde zur Brache, weil es schlicht keinen Abnehmer mehr gäbe.Wer also den LEH und den Discounter als Weinverkäufer verteufelt, darf das gerne machen. Man muss sich nur über die Konsequenzen bewusst sein.

Man könnte jetzt natürlich direkt sagen: Macht nichts, das Zeug schmeckt eh nicht! Auch das wäre eher zu kurz gedacht, respektive argumentiert. Natürlich ist der Bückbereich am Regal alles, nur keine vinologische Offenbarung. Im Bereich um die zwei bis drei Euro geht es meist nur um Wirkung und nicht um Genuss. Auf diese Produkte könnte ich auch gut verzichten. Es ist mir ein Rätsel, wer so etwas warum trinkt – und warum das überhaupt erst produziert und angeboten wird, ist mir ein noch größeres Rätsel. Einfacher Alkohol würde doch auch reichen. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Gerade die Tage hatte ich einen Wein für 2,50 Euro im Glas. Blind. Der war ok und gut trinkbar. Kein Spaß, keinerlei Emotion, nichts – aber trinkbar. Das technische Niveau dieser Weine ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Die Investitionen in die Ausbildung zahlen sich aus. Zum Glück! Fehlerhafter Wein ist eher selten. Zumindest hier bei uns in Deutschland.

Woher kommt also die oben beschriebene Aufregung? Die Antwort ist einfach: Die Anbieter entdecken auf einmal, dass es außer dem Billigpreis auch noch andere Argumente gibt. Beinahe jeder leistet sich einen „Master of Wine“ oder einen „Mastersommelier“ oder sonst jemanden, der ein Fachmann/frau ist und dem gesamten Angebot die qualitative Absolution erteilt. Zwar dürfte der allergrößte Teil der LIDL-Klientel nicht wissen, was ein Sommelier oder gar ein Master of Wine ist – macht aber nichts. Es klingt gut und es klingt kompetent. Sollte jemand auf den Gedanken kommen, das Ganze schnell zu googeln, steht die Sache wie eine Eins. Dazu noch ein „Schatöchen“ oder sonst einen großen Namen und es passt. So geht es und so wird es wohl im Discounter und Co. auch erfolgreich sein. Im Übrigen ist das Preisargument mittlerweile eher zur hoheitlichen Angelegenheit der Internetanbieter geworden. Gerade hier wird beinahe nur noch mit dem vermeintlich günstigeren Preis argumentiert. Bei näherem Betrachten fällt allerdings schnell auf, dass der Preis gar nicht so günstig wie suggeriert ist. Da wird tatsächlich einfach mal schnell der UVP hochgesetzt, sodass der Wein dann zum eigentlichen ab Hof Preis verkauft, aber als Schnäpppchen präsentiert wird. Dass das so funktioniert, ist für mich allerdings auch ein Mysterium …

Der LEH setzt längst auf Qualität. Man betrachte sich nur die EDEKANER oder auch die inhabergeführten REWE. Da gibt es Weinfachabteilungen, die ihresgleichen suchen. Inklusive kompetentester Beratung, versteht sich. Über die motzen eigentlich nur noch diejenigen, die partout weder differenzieren, noch verstehen wollen. Ähnliches gilt für sb-warenhäuser wir „real“ oder den Globus. Letzterer rüstet seit Jahren gewaltig auf in Sachen Wein.

Am Samstag habe ich einen ganzen Tag in solch einem EDEKA verbracht. Natürlich gab es da auch merkwürdige 1,99-Getränke. Wenige allerdings. Ansonsten stand da alles, was gut und genial ist. Ganz sicher ist diese Weinabteilung nicht unbedingt repräsentativ – da ist ein Irrer (im besten Sinne) am Werk. Aber sie ist doch ein deutliches Zeichen, wohin die Reise geht. Qualität und Beratung setzt sich durch. Also das was eigentlich der gute Fachhandel leisten sollte. Den gibt es zum Glück auch noch. Da wird zwar mehr und mehr ausgedünnt, und wahrscheinlich läuft das Ganze auch eher auf eine Art Spezialisierung anstelle eines Vollsortiments hinaus. Aber auch diese Entwicklung macht Sinn. Am Ende geht es nur um Kompetenz. Egal ob im Discount, LEH oder Fachhandel. Hoffentlich auch irgendwann im Netz.

Foto: Jana Kay

Dirk Würtz Verfasst von:

3 Comments

  1. Genau. Zwar liebe ich es sehr, beim Winzer einzukaufen, aber manchmal muss man halt doch zum Supermarkt. Apropos „der allergrößte Teil der LIDL-Klientel …nicht wissen, was ein Sommelier ist…“ Da täuscht man sich doch gewaltig, es kaufen viele Akademiker beim Discounter und die Kundschaft ist clever und nicht zu unterschätzen (ich kaufe da nämlich auch hin und wieder ein 🙂

  2. Jürgen Steinke
    29. März 2016
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    Hier wird die Frage aufgeworfen, wer denn bitte schön die einfachsten Weine trinkt? Antwort: Spitzenwinzer zum Beispiel. Unlängst starb Henri Bonneau, ein Legende des Chateauneuf du Pape. Von ihm wird bestätigt, dass er zumeist nicht etwa seine eigenen Weine oder ähnliche Kaliber trank, sondern einfachsten Muscadet oder auch äußerst preiswerte Massenweine der Appellation Cotes du Rhone. Ich kenne zudem einige bekannte Winzer persönlich und weiß aus eigener Anschauung, dass auch dort nicht selten eine Literflasche der einfachsten Kategorie auf dem Tisch steht.

    • 29. März 2016
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      Henri Bonneau hat einfache, aber GUTE Wein getrunken. Dagegen gibt es auch gar nichts auszusetzen. Er hat aber NIEMALS die Bückware aus dem Discounter getrunken

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